Home » Konzepte » Quellenkritik (im Internet)

image_pdfimage_print

Dank Wikis und Blogs ist es zunehmend leichter, die eigene Meinung im Internet zu vertreten. Jede/r kann heutzutage die eigene Meinung im Internet publizieren, ohne dass es Auswahl- und Filtermechanismen wie z.B. redaktionelle Betreuung seitens eines Verlages gibt (auch wenn es manchmal “schief geht“).

Daher ist es wichtig, Texte kritisch analysieren zu können, um sich ein möglichst objektives Bild zu schaffen.

Natürlich ist das Phänomen des “Missbrauchs” von scheinbar objektiven Texten zur Beeinflussung der Massen kein neues Phänomen – schon Herrschende der Antike ließen die Geschichte so schreiben, wie es ihnen genehm war. Aber sicherlich ihren Höhepunkt hatte die “Propaganda” in den totalitären Systemen, aber auch in demokratischen Gesellschaften während bestimmter Phasen der Geschichte (siehe die Darstellung der Deutschen in den USA vor deren Kriegseintritt in den 1. Weltkrieg).

Daher hilft es, sich mit den Techniken der Historiker/innen zur Quellenkritik zu beschäftigen. Aber auch ein Blick auf die Alltagskommunikation lohnt sich, denn jede unserer Botschaften haben unterschiedliche Intentionen.

Unsere vier Ohren – das Kommunikationsmodell von Schulz von Thun

Laut Ferdinand Schulz von Thun hat eine Nachricht vier Ebenen: Selbstkundgabe (was ich von mir selbst kundgebe), Sachebene (Wiedergabe es objektiven Sachverhaltes), Beziehungsebene (Wie stehen wir zueinander? Was halte ich von dir?) und Appellebene (Wozu ich dich veranlassen möchte.). (Mehr zum Modell hier)

Vier-Seiten-Modell

Schulz von Thuns “Vier-Seiten-Modell der Kommunikation” (Abb. entnommen aus http://ottoazubiblog.de/2014/01/vom-schulz-von-thun-modell-bis-zur-insel-der-persoenlichkeit/). Zur vollen Ansicht bitte auf das Bild klicken.

Ein bekanntes Beispiel wird mittels dieser Situation illustriert:

es-ist grün

Beispielsituation: “Es ist grün” (Quelle). Durch Anklicken erhalten Sie eine vergrößerte Ansicht.

Der Satz “Es ist grün.” birgt nach Schulz von Thun vier Botschaften (Beispiel entnommen von hier):

  • Die Selbstoffenbarungsbotschaft “Ich habe es eilig.”
  • Die Botschaft auf der Sachebene “Die Ampel ist grün.”
  • Die Botschaft auf der Beziehungsebene “Du passt nicht auf. / Du brauchst meine Hilfe.”
  • Die Botschaft auf der Appellebene “Gib Gas!”

Dieses Modell wird oft angewendet, um zu erklären, warum die Alltagskommunikation zwischen zwei Personen, z.B. Ehepartnern (siehe den Abschnitt “Ich-Botschaften” auf dieser Seite) nicht funktioniert, weil wir eben jede Botschaft mit vier Ohren hören (eines für jede Botschaft), allerdings ist die “Größe der Ohren” bei jeder Person unterschiedlich: D.h. eine/r interpretiert eine Botschaft eher auf der Sachebene, während die/der Kommunikationspartner Botschaften eher auf der Beziehungsebene interpretiert.

Jedoch kann man die verschiedenen Ebenen der Kommunikation auch bei veröffentlichten Texten deutlich sehen. Vor allem der appellative Charakter von Texten spielt eine Rolle: Auch vermeintlich objektive Sachtexte sind mit einer gewissen Intention geschrieben. Auch dieser. Überlegen Sie mal, welcher das sein könnte und posten Sie Ihre Vermutung in die Kommentare.

Quellenkritik

Der appellative Charakter von Texten spielt auch eine wichtige Rolle bei der (historischen) Quellenkritik. Generell sollten Sie sich bei jedem (historischen) Text fragen:

  • Wer hat den Text geschrieben? Wer hat den Text in Auftrag gegeben? Aber auch für wen wurde der Text geschrieben? Handelt es sich um einen persönlichen Brief, einen Fachartikel in einer wissenschaftlichen Zeitschrift oder einen populärwissenschaftlichen Artikel?
  • Wann ist der Text entstanden? Unter welchen (damals) aktuellen Umständen? (Beispiel: Die Gesprächsprotokolle Helmut Kohls, die vor kurzem ein großes Medienecho hervorriefen, sind in der Hochzeit der so genannten Spendenaffäre entstanden? In diesem Kontext sind einige Aussagen Kohls vielleicht wenn nicht verständlich, so jedoch auch anders erklärbar.)
  • Wo ist der Text entstanden? Wo wurde der Text veröffentlicht? Oft besagt der Ort der Publikation, welche Meinung im Text vertreten wird. Exemplarisch dafür sind diese beiden Titelseiten von deutschen Tageszeitungen:
Titelseiten der Tageszeitung und der Bild-Zeitung zur Wahl Papst Benedikts XVI.

Titelseiten der Tageszeitung und der Bild-Zeitung zur Wahl Papst Benedikts XVI.

  • Warum ist der Text entstanden?
  • Wie ist der Text gestaltet? (Hier spielen Gliederung und Argumentation eine Rolle)

Quellenkritik muss man üben

Die Fähigkeiten zur Quellenkritik müssen auch geübt werden. Analysieren Sie also jeden Text hinsichtlich dieser Gesichtspunkte und gehen Sie kritisch mit jedem Text um, auch mit diesem.

Update: Sinnvolles im Rauschen des Bullshits

Dieses Blogpost setzt sich mit dem Verschwinden des Sinnhaften bei übermäßiger Textproduktion, wie es sie im Internet gibt, es trägt auch einen sehr schönen Titel: “»people find ways to circumnavigate bullshit«” Ich weiß, was Sie denken werden und gehe in mich.

Martin Döpel
Lehrbeauftragter an der FSU Jena. Vater einer Tochter und Promovend. Ich koche gern und fahre gern Rad.

One thought on “Quellenkritik (im Internet)

  1. tinapeissker tinapeissker sagt:

    Ich habe mehrere Vermutungen:1. Auf der Sachebene würde ich vermuten, daß Sie den Text geschrieben haben, um uns über die Fakten bezüglich der Text-/Informationsvermittlung aufzuklären.2. Die Selbstkundgabe betreffend… :) Sie möchten uns etwas mitteilen, was wir Ihrer Meinung nach noch nicht wissen.3. Die Beziehungsebene: Sie sind der Lehrer, wir die Schüler.4. Appellebene: Beschäftigt euch mit dem Thema, um Euch selbst hinterfragen zu lernen! Werdet Euch bewußt, daß Informationen auch anders gesendet worden sein können als ihr sie versteht. Reflektiert wenn möglich alle Ebenen, um bei Fragen/Texten schneller zum Ergebnis/Verständnis kommen zu können.

Hinterlasse eine Antwort